"Flucht aus Pommern"

- Sophie Amelung -

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Februar 1945 bis Juli 1946:

- Brief von Frau Edith Schulz ( 09.07.1946 ) -

 

Nach den dauernden Fliegerangriffen auf Bütow  (Bytw) verließen meine Eltern und ich am  28. Februar 1945 schweren Herzens unsere Wohnung, um wenn möglich noch per Bahn nach Roßla (Harz) zu gelangen.
Leider kamen wir nur bis Lauenburg (Lebork ) und saßen fest, da inzwischen der Russe die Hauptbahnlinie
zwischen Köslin (Koszalin) und Schlawe (Slavno) durchbrochen hatten. Unter großen Schwierigkeiten gelang es uns mit einem Militär Küchenwagenzug Danzig (Gdansk) zu erreichen.
Hier wollte ein Freund meines Bruders versuchen uns per Schiff heraus zu bringen. Da Tausende von Flüchtlingen auf Abtransport warteten, misslang dies und wir saßen in der Falle.
Am 23. März 1945, kurz bevor die Russen Olivia erreichten, wurde ich wegen gelegentlicher Flieger-angriffe  von meinen Eltern getrennt. Von diesem Zeitpunkt an fehlt von ihnen jede Spur. Leider muss ich annehmen, dass sie nicht mehr unter den Lebenden weilen.

Am folgenden Tage erlebten wir die Straßenkämpfe in Olivia und kamen in Gefangenschaft. Furchtbare Tage folgten. In einem kleinen Keller hausten ca. 20 Mann, dicht aneinander gedrängt.
Nur in der Frühe zum Wasserholen durften wir den Keller verlassen. Ein Stuhl stand uns beiden für die Nacht zur Verfügung, außerdem waren wir auf die Gnade unserer Mitmenschen angewiesen, von denen wir ab und an etwas zu Essen erhielten.

Dauernde Belästigungen und Kontrollen seitens der Russen machten uns da Leben zur Qual. Seelisch völlig ermattet fasste ich nach etlichen Wochen den Entschluss Danzig zu verlassen, um nicht zu verhungern.
Nach 3-tägiger Wanderung erreichten wir  Lauenburg (Lebork).Hier nahm uns eine fremde Dame nett auf, wir konnten uns gründlich reinigen und etwas erholen Mit einem Trupp "Bütower" setzten wir unsere Wanderung fort. Ich muss noch erwähnen, dass ich in Olivia und Adlerhorst (Gdynia Orlowo) meine sämtlichen Sachen einschließlich Trauring und Brillant los wurde.
Bettelarm kamen wir am 2. Mai 1945 wieder in Bütow (Bytow) an. Bütow (Bytow) bot ein trostloses Bild; der Kern der Stadt war völlig vernichtet und stand schon unter polnischer Verwaltung.
Unser Haus stand noch, leider verbot man uns, unsere ehemalige Wohnung zu bewohnen. Unsere Wohnung fand ich völlig ausgeräumt vor, nichts war mehr vorhanden. Unsere sämtliche Wäsche und Sachen hatte ich in den Keller geschafft; alles war fort; es war trostlos.

Die Mehrzahl der besseren Wohnungen befanden sich in einem unbeschreiblichen Zustand völlig verdreckt. Beim Bürgermeister waren alle Sachen zerschlagen und ausgeräumt.

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Stadtansicht von Bütow (Bytow) um 1940  (Bildquelle: Eigene)

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Chronik:


Für Tausende von Flüchtlingen, die vor der Umklammerung durch die Rote Armee nach Danzig strömen, wird dieses Ziel zum Verhängnis.

Am 22. März gelingt den sowjetischen Truppen zwischen Danzig und Gotenhafen der Durchbruch an die Küste. Pausenlos werden die Menschen durch die Flotte der Flüchtlingsschiffe evakuiert, täglich zu mehr als Zehntausenden.
Doch als Danzig am 27. März besetzt wird, sind noch etwa 200.000 Einheimische und Flüchtlinge in der Stadt.

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Mai 1945:

 

Am 3. Mai 1945, dem Tag nach unserer Ankunft in Bütow  (Bytow) traf ich dann  Frau Amelung. Die Wiedersehensfreude war natürlich groß und da sie noch kein Quartier hatte beschlossen wir zusammen zu bleiben. Uns wurde ein Zimmer in einem Haus am Koppelplatz angewiesen. Soweit ich mich erinnere war Frau Amelung nur bis Stolp (Slupsk) geflohen und hatte dort ihre Sachen gelassen.
Um Brot zu erhalten mussten die jüngeren Frauen von morgens bis abends arbeiten; d.h. die stark ver-unreinigten Wohnungen säubern.
Für diese Arbeiten gab es 200 gr. Brot täglich auf Arbeitsbescheinigung. Frau Amelung bekam ihre 200 gr. Brot ohne Arbeit. Sonst hatten wir nur die Reste der zurückgelassenen Kartoffeln als Nahrung. Zu kaufen gab es für deutsches Geld nicht das Geringste.
Unsere Hauptbeschäftigung war von morgens bis abends das Knacken von Läusen, so tief waren wir gesunken. Jeden Morgen und Abend untersuchten wir stundenlang unsere Sachen; wir wurden nie die Dinger gänzlich los.

Zweimal fand eine öffentliche Entlausung in der 3 Kilometer entfernten Ziegelei statt. Frau Amelung und die Kinder fuhren auf einem Wagen mit, die Jüngeren mussten laufen.
Ich arbeitete in einem Arzthaushalt und denken sie hier feierte ich ein Wiedersehen mit meinem Esszimmer, den Sesseln und dem Staubsauger; großer Zufall nicht wahr!

Da die Lage immer kritischer wurde beschloss ich Bütow  (Bytow) für immer zu verlassen. Frau Amelung warnte zwar vor einer zu eiligen Flucht, doch ich ließ mich nicht beirren. Täglich verließen Deutsche die Heimat; was sollte ich da aushalten, den sicheren Hungerstod vor Augen.
Vom 3. Mai 1945 bis zum 10. Juli 1945 lebten wir mit Frau Amelung zusammen. Sie war ihrem Alter nach körperlich sowie geistig durchaus auf der Höhe und ging viel zu Gärtner Dabrunz helfen. Frau Amelung verkehrte in jenen Tagen viel mit Familie Trabant, auch zu Gärtner Dabrunz Neubütow ging sie öfter. Gemeinsam haben wir  Kohlen und Holz aus ihrem Keller bzw. Stall geholt. Sie sorgte immer für Feuerung, im Gegenzug holten wir ihr ständig Wasser.

Einige Male hatte sie Gelegenheit bei durchziehenden Russen Kühe zu melken; als Belohnung winkte ein Eimer Magermilch; er wurde jubelnd als seltene Beikost zu unserem kärglichen Mahl begrüßt.

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Am 10. Juli 1945 verließen wir Bütow  (Bytow) zu Fuß. Frau Amelung hatten wir mehrmals  zum Mit-kommen aufgefordert, aber vergebens.
Sie wollte später erst nach Stolp (Slupsk) und glaubte dort ihre Sachen noch vorzufinden. Bei unserem Fortgang brachte uns Frau Amelung noch bis vor die Tür. Sie hatte die Absicht nach unserer Abreise zu Familie Trabant zu ziehen.

 

Das ist alles was ich über Frau Amelung berichten kann! (Danke Frau Schulz)

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Im Juli 1945 hat Frau Amelung noch Bekannte in Hygendorf (Udorpie) besucht und erzählt, dass sie sich eine Ausreisegenehmigung besorgen wolle und sich zu Fuß über Stolp (Slupsk) in Marsch setzen wolle. Umso erstaunter ist es, dass Frau Amelung noch im August 1945 auf der Lauenburger Chaussee Bütow  (Bytow) gesehen worden ist.

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Stadtansicht von Stolp(Slupsk) um 1940  (Bildquelle: Eigene)

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November 1945:

 

Auf der Flucht aus Pommern  ist  Sophie Amelung bis Berlin gekommen und war gemeldet als wohnhaft in Berlin - Spandau / Flüchtlingslager Egelpfuhl.
Am 8. November 1945 wurde sie mit einem schweren Herzklappenfehler in das städtische Krankenhaus Berlin - Hohengatow eingeliefert  und  verstarb am 10. November 1945 nachmittags. Frau Amelung wurde auf dem Spandauer Friedhof "In den Kissel" in einem Einzelgrab im Feld 13, Reihe 13, Grab Nr. 9,
beigesetzt.

Es gibt Aussagen das Sophie Amelung auf ihrer Flucht angeblich misshandelt und  blutig geschlagen worden sei und der großen Schwäche wegen ins Krankenhaus gekommen ist.
 

Aussage einer  jungen Frau aus Ostpreußen die angeblich Sophie Amelung auf einem Teil ihres Weges bis Berlin begleitet haben soll ?!

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Pommern nach 1945:

Chronik:

Die Systematische Vertreibung parallel zu den großen Fluchtwellen beginnt zwischen Winter 1944 und Sommer 1945 die systematische Vertreibung der Deutschen aus den ehemals besetzten Gebieten. In Polen, im Sudetenland, den südlichen, nördlichen und westlichen Randgebieten der böhmischen Länder (Tschechoslowakei),  in der deutschen "Wolga-Republik" auf russischem Territorium, in Ungarn, Rumänien (Siebenbürgen, Banat), Kroatien (Slawonien), Serbien (Wojwodina), Slowenien und im Baltikum.

Die expansionistische Siedlungspolitik unter dem NS-Regime hat zahllose Opfer gefordert. Jetzt entladen sich die Ressentiments der jahrelang unterdrückten Völker gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung. Hass und Zerstörung sind die Antwort auf die Gewaltverbrechen der Nazis. Willkürliche Übergriffe, Morde, Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Enteignungen, Demütigungen und Repressalien treffen die verhassten Deutschen mit ganzer Härte. Die deutsche Bevölkerung wird erst vereinzelt, später systematisch aus den osteuropäischen Ländern vertrieben.

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Anmerkung:

Viele Fragen bleiben unbeantwortet oder werden vergessen, viele "Einzelschicksale" verschmelzen in ein "Gesamtschicksal". Diese gesamte Geschichte ist durch Briefe, Aufzeichnungen und Erzählungen belegt und zeigt einen kleinen Ausschnitt vom "Gesamtschicksal". Leider finde ich im Internet keinerlei Informationen zum Flüchtlingslager Egelpfuhl in Berlin - Spandau.

Scheinbar war 1945 ganz Berlin ein einziges großes Flüchtlingslager!

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